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Die Fotos zeigen die Ergotherapeutin Victoria Renner bei verschiedenen Übungen mit einem Patienten.(C) Victoria Renner

09.06.2026 Fiona Wiedemann

Arbeiten als Ergotherapeutin: Was macht den Beruf so besonders?

Da ihre Mutter selbst in der Psychotherapie arbeitet, war Victoria Renner schon früh klar: Sie möchte auch im sozialen Bereich tätig sein. Sie möchte Menschen kennenlernen, sie aktiv unterstützen und sich nicht nur mit Büroarbeit beschäftigen. Seit 2018 ist sie ausgebildete Ergotherapeutin in der Augsburger Praxis Endrass. Im Interview erzählt sie von diesem facettenreichen Beruf, gibt Einblick in ihren Arbeitsalltag und verrät, was ihr an ihrem Job besonders viel Freude bereitet.

Wie lange arbeitest du schon als Ergotherapeutin? Wie sah dein Werdegang aus?

Ich habe 2018 meine Ausbildung abgeschlossen und mein Examen gemacht. Man kann nach dem Examen direkt anfangen zu arbeiten und genau das habe ich auch getan. Mein Werdegang ist tatsächlich sehr geradlinig: Ich habe während der Ausbildung bereits ein dreimonatiges Praktikum in der Ergotherapiepraxis Endrass gemacht. Dort hat es mir sehr gut gefallen, ich habe viel gelernt und mich im Team schnell aufgenommen gefühlt. Nach meinem Abschluss habe ich mich dort direkt auf eine feste Stelle beworben, wurde angenommen und arbeite deshalb seit Sommer 2018 dort.

Wieso hast du dich für diese berufliche Laufbahn entschieden?

Meine Mutter ist Psychotherapeutin und ich habe mich schon früh sehr viel mit ihr über ihren Beruf unterhalten. Durch sie habe ich erst gelernt, wie viele verschiedene Arten von therapeutischer Arbeit es gibt. Vorher wusste ich zum Beispiel gar nicht, was Ergotherapie eigentlich ist, geschweige denn wie viele interessante Arbeitsfelder dieser Beruf umfasst. Für meine künftige Arbeit war mir wichtig, dass ich mit Menschen zu tun habe, ich nicht immer nur am Schreibtisch sitzen muss, sondern mich auch mal bewegen und Menschen dabei helfen kann, im Alltag voranzukommen. Deshalb hat sich die ergotherapeutische Arbeit nach dem richtigen zukünftigen Weg für mich angefühlt. Ich habe mich genauer darüber informiert und mich dafür entschieden, genau diese Richtung einzuschlagen.

Welche Arten von Ergotherapie gibt es?

Zum einen gibt es die Arbeit mit Kindern, beispielsweise bei Konzentrationsschwierigkeiten oder ADHS. Zum anderen arbeiten viele Ergotherapeut:innen mit psychisch erkrankten Personen. Im Gegensatz zur reinen Psychotherapie geht es hier vor allem darum, dass die Patient:innen lernen, ihren Alltag wieder zu meistern. Wenn ihre psychische Krankheit sie zum Beispiel so einschränkt, dass sie nicht mehr zur Arbeit gehen können, erarbeiten wir gemeinsam praktische Lösungen, die sie zurück in ihre tägliche Routine begleiten. Darüber hinaus leisten wir auch orthopädische Arbeit, zum Beispiel nach OPs, bei Hand- oder Fußverletzungen.

Zu guter Letzt gibt es den neurologischen Bereich, auf den auch ich mich spezialisiert habe. Ich arbeite mit Menschen, die an multipler Sklerose erkrankt sind, einen Schlaganfall oder schweren Unfall erlitten haben und deswegen körperlich eingeschränkt sind. Meine Aufgabe ist es, ihre motorischen Fähigkeiten so gut es geht aufrecht zu erhalten und mit ihnen Techniken zu erarbeiten, mit denen sie ihren Alltag besser meistern können. Bei uns in der Praxis gibt es hierfür auch spezielle Roboter, mit deren Hilfe zum Beispiel Schlaganfall-Patient:innen das Laufen neu erlernen.

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag für dich aus?

Bei der Ergotherapie ist es wichtig, zwischen klinik- und praxisbasierter Arbeit zu unterscheiden, da die Abläufe hier sehr verschieden sind. Bei uns in der Praxis gibt es für unser Team in der Regel einen festen, klar strukturierten Ablauf, der jede Woche gleich ist, da die meisten Patient:innen feste Tage und Termine haben. Je nach Behandlungsgrund bleiben die meisten sogar mehrere Jahre bei uns. So wissen wir schon im Voraus, wen wir wann behandeln und können uns dementsprechend auf die Zeit mit ihnen vorbereiten. Am Ende des Tages kümmern wir uns dann um Bürokratisches, wie beispielsweise Telefonate oder die richtige Dokumentation der Therapiestunden. Das ist vor allem für die Krankenkasse wichtig. In der Klinik wiederum ist es ganz anders, weil die Patient:innen dort meist alle sechs bis acht Wochen wechseln. Das bedeutet dementsprechend auch, dass man viel weniger Zeit hat., um sich auf die Menschen und ihre Bedürfnisse einzustellen und die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Welche Eigenschaften muss ich mitbringen, um als Ergotherapeut:in zu arbeiten?

Auf jeden Fall Geduld, Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein. Viele der Menschen, mit denen wir arbeiten, haben tragische oder schwierige Schicksale erlitten. Deshalb ist es unglaublich wichtig, dass wir ihnen mit viel Empathie und Offenheit begegnen. Oft dauert es eine gewisse Zeit, bis sie sich uns wirklich öffnen oder klar erkennbare Fortschritte machen. Diesen Raum müssen wir ihnen geben können. Auch Team- und Kommunikationsfähigkeit sind ein zentraler Bestandteil unseres Jobs. Wir arbeiten eng mit den behandelnden Ärzt:innen zusammen und müssen uns regelmäßig mit ihnen absprechen. Auch innerhalb unseres Teams ist der Austausch sehr wichtig, da sich manche Kolleg:innen dieselben Patient:innen teilen. Auch das Interesse, neue Dinge zu lernen und sich kreativ auszuprobieren, ist eine gute Voraussetzung für die Arbeit als Ergotherapeut:in.

Was macht dir an deinem Beruf besonders viel Spaß?

Ich finde es unglaublich toll, wenn meine Patient:innen und ich gemeinsam ein Ziel erreichen oder ich ihnen dabei helfen kann, neue Perspektiven zu finden. Zu sehen, wie etwas klappt, das vor ein paar Wochen vielleicht noch nicht funktioniert hat, oder wie sie in ihrem Alltag wieder mehr Freude empfinden, ist ein sehr belohnendes Gefühl. Die Gewissheit, Menschen aktiv durch schwierige Zeiten hinweg zu unterschützen, gibt mir wahnsinnig viel. Was ich an meinem Beruf außerdem sehr schätze, ist die selbstständige und abwechslungsreiche Arbeit. Ich habe zwar einen getakteten Tagesablauf und muss mich hin und wieder mit Kolleg:innen absprechen, kann meine Therapiestunden aber trotzdem sehr frei gestalten. Ich muss nicht jeden Tag das Gleiche machen oder immer nur langweilige Formulare ausfüllen, sondern kann mich in viele verschiedene Richtungen ausleben.

Welche Herausforderungen bringt der Beruf mit sich?

Ganz ohne organisatorische Aufgaben geht es natürlich nicht. Das kann schwierig werden, wenn Ärzt:innen zum Beispiel Rezepte nicht mehr ausstellen, oder wenn die Patient:innen eigentlich noch Therapie benötigen, aber die Krankenkasse nicht mehr zahlt. Sich mit solchen Sachen zu beschäftigen, ist oft frustrierend, gehört aber auch zu unserem Job. Außerdem werden wir immer wieder mit sehr schweren Schicksalen konfrontiert. Sich in den Therapiestunden trotzdem positiv zu zeigen und das nicht mit nach Hause zu nehmen – das ist nicht immer leicht. Zum einen, weil man Mitleid hat, zum anderen, weil wir uns so ständig bewusst sind: Das könnte uns auch passieren. Damit einher geht auch die Tatsache, dass die Arbeit mit den Betroffenen deswegen nicht immer so einfach ist. Ihre Situation belastet sie manchmal so stark, dass sie in der Therapie unfreundlich oder unmotiviert wirken können. Damit müssen wir umgehen können.

Welchen Rat würdest du Menschen mitgeben, die gerne als Ergotherapeut:in arbeiten würden?

Ganz wichtig: Praktische Erfahrungen sammeln! Es lohnt sich, sich nach Praktikumsplätzen umzusehen oder Kontakt mit lokalen Praxen aufzunehmen und sich den Beruf einfach einmal anzuschauen. Denn auch wenn die Berufsschule zur Ausbildung dazu gehört, besteht unser Job in erster Linie fast ausschließlich aus Praxisarbeit. Der direkte Kontakt mit Menschen macht die ergotherapeutische Arbeit erst aus. Deshalb reicht es nicht, sich nur anhand von Internetrecherche für den Beruf zu entscheiden. Eignet man sich für die Arbeit als Ergotherapeut:in, ist es wirklich ein sehr erfüllender und abwechslungsreicher Beruf, der immer wieder etwas Neues bereithält.

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